Vor einigen Tagen hatte ich ein längeres Telefonat mit einem guten Freund, dessen Bekannter, ein Geschäftsinhaber hier aus der Region, jetzt auf die Schnelle einen Online Shop hat einrichten lassen, um die Verluste des Ladengeschäfts auszugleichen. Der Bekannte hatte erzählt, sein Webdesigner macht aktuell nichts mehr anderes, er würde aktuell in der Krise bis zu 6 Online Shops die Woche bei Kunden aufbauen, kommt kaum noch hinterher.

Da ist mir fast das Smartphone aus der Hand gerutscht. Warum das in meinen Augen eine Unverantwortlichkeit und zudem häufig noch vollkommen rausgeworfenes Geld ist, möchte ich hier etwas näher erläutern.

Selbstverständlich ist die aktuelle Corona Krise für fast jedes Business ein einziger, zäher Genickbruch auf Raten. Wir sehen ja alle das ganze Leid, wohin wir auch surfen. Unsere Kunden erzählen uns täglich neue Horrorgeschichten. Die Verzweiflung ist zu spüren. Da liegt der Gedanke nah, dass Ladenbesitzer, die bisher nur “Offline” tätig waren, nun online ihr Glück suchen.

Auch unsere Arbeit in der Agentur, trotz Skype, Zoom, WeTransfer und Trello ist bei weitem nicht so gut bewältigen wie in normalen Zeiten. Wer hätte das gedacht, die Online Agentur, die hiermit ein Problem hat? Das Problem ist aber hausgemacht, denn wir können und wollen unsere Standards aufrecht erhalten. Kontaktsperre und Social Distancing führen bei uns nur widerwillig zum intensiven Gebrauch von Online-Tools. Wir haben große Projekte absichtlich verschoben, bis wir wieder in der Lage sind unsere Kunden persönlich zu sprechen. Auch auf die Gefahr hin, diese in der Zwischenzeit zu verlieren. Gerade das Thema Markenbildung und Online Strategie, bei dem wir in zwei Tagen mit mehreren Mitarbeitern beim Kunden sitzen und stundenlang gemeinsam am Whiteboard arbeiten, ist mit online Tools einfach nicht zu ersetzen. Die persönliche Interaktion, die Reaktionen, das Miteinander und die Körpersprache sind extrem entscheidend. Und das führt uns wieder zum Ausgangsthema zurück: Ersetzt eine schnelle Online Lösung mein bisheriges Geschäft?

Ein Online Shop ist nicht etwa ein Stück Software, dass einmal installiert und mit Produkten befüllt, dem Eigentümer ohne den Finger zu bewegen direkt täglich tausende Euros Umsatz beschert. Ohne die richtige Online Strategie erreicht man das genaue Gegenteil. Hier einige Punkte, die oft vergessen werden und die gerade in der jetzigen Krise den Geschäftsinhabern eben nicht den Allerwertesten retten werden:

Zu wenig Traffic

Tatsächlich muss die Webseite der bisherigen Kundschaft schon recht bekannt sein. Denn wer seine alte Webseite genutzt hat um hauptsächlich Öffnungszeiten und Telefonnummer anzuzeigen, der wird quasi kaum Besuche auf der Webseite haben. Ein neuer online Shop ohne neue, viele Besucher? Denn Besucher haben dank bisheriger „Visitenkarte im Netz“ einmal und nie wieder die Webseite besucht. Das sieht am Ende auch Google und rankt ihren verlassenen Auftritt auf Seite 6 oder 7. Keine guten Voraussetzungen für einen Online Shop, der ihnen JETZT aus der Patsche helfen soll.

Man wird auf die Schnelle nicht gefunden

Bis eine neue Webseite mit dem Online Shop bei Google überhaupt gelistet wird, vergehen mindestens 6, in der Praxis eher 12 Monate, bis man auf der ersten, lokalen Suchergebnisseite gefunden wird. Und auch nur dann, wenn die Agentur dahinter einen Plan von Suchmaschinenoptimierung hat. Wir haben über die Jahre so viele Projekte von Mitbewerbern gesehen, die genau hier völlig gepatzt haben. Ohne ordentliches SEO läuft keine Webseite und kein Online Shop. Und SEO dauert einfach. Hier gibt es keine Abkürzungen.

Egal ob Online Shop oder nicht, niemand kauft derzeit etwas

Sind wir mal ehrlich, wer von uns gibt denn gerade viel Geld aus und geht online auf den großen Shopping Trip? Das tun nur sehr wenige und die werden hauptsächlich bei Amazon Ihre nötigen Einkäufe ausführen. Der eigene Online Shop, auch wenn er gut gefunden wird, wird sicher keine großen Umsätze aufweisen können. Machen Sie sich an der Stelle bitte nichts selbst vor und überlegen Sie, wie viel Geld Sie selbst außerhalb Amazon in den letzten zwei Monaten der Coronakrise woanders online für Konsumgüter ausgegeben haben. Angesichts der vielen Kurzarbeit und dem drohenden Jobverlust ist dieses Verhalten vollkommen nachvollziehbar. Da draußen herrscht die nackte Angst. Bitte nicht wundern, wenn niemand sein letztes Geld in Ihrem neuen Online Shop ausgeben möchte.

Keine Ahnung wie man seine Produkte online vermarktet

Selbst wenn der Shop innerhalb von zwei Tagen steht, wie erreiche ich jetzt meine Kundschaft, wenn mein Shop nirgends zu finden ist? Klar, Social Media ist das Zauberwort. Aber wer glaubt, er könne jetzt bei Facebook und Instagram den komplexen Werbeanzeigenmanager richtig bedienen und die perfekte Anzeige mit durchdachter Customer Journey, der richtigen Zielgruppe und dem perfekten Sales Funnel bewerben, der irrt sich gewaltig. Offline Store Besitzer haben mit dieser Materie in aller Regel noch nie Berührung gehabt, wie soll das jetzt so schnell plötzlich laufen? Wir garantieren ihnen, Sie werfen jede Menge Geld aus dem Fenster, bis Sie verstanden haben wie der Online-Markt funktioniert.

Produkte sind nicht „online kompatibel“

Auch wenn Zalando und Konsorten ihren Reibach online machen, heißt das noch lange nicht, dass der Schuhladen um die Ecke seine Schuhe jetzt dank neuem Online Shop an den Mann bringen wird. Oftmals sind die Produkte von Offline Stores gerade deswegen gefragt, weil man sie dort anfassen, anprobieren, testen, fühlen, betrachten und von mir aus auch riechen kann. Hinzu kommt die Persönlichkeit des Ladenbesitzers und genau dieser Charme fehlt dem Online Shop komplett. Die Umsätze werden online höchstens im einstelligen Prozentbereich bleiben und das für lange Zeit. Da sollte man sich nichts vormachen.

Gestern dann habe ich einen Anruf eines recht bekannten Ladenbesitzers in Homburg bekommen. Auch er wollte unbedingt einen eigenen Online Shop installiert bekommen. In dem Gespräch wurde ihm aber recht schnell klar, dass eine schnelle Maßnahme, wie ein neuer Online Shop nicht nur teuer ist (und sich derzeit null bezahlt macht), sondern auch höchstwahrscheinlich wirkungslos bleibt in den nächsten 12 Monaten. Richtig gelesen, wir haben ihm tatsächlich abgeraten einen Online Shop zu bauen und freundlich auf unsere Mitbewerber verwiesen, wenn er dennoch einen möchte. Wir möchten solche sinnlosen Maßnahmen nicht noch unterstützen. Dafür planen wir jetzt (hoffentlich bald) eine ordentliche Strategie, die dem Kunden nach der Krise hilft, in einem solchen Fall nicht nochmal am Abgrund zu stehen und einen Online Shop als sicheres, etabliertes, weiteres Standbein in 2021 anzugehen.

Was also jetzt tun?

Wir können es absolut verstehen wenn Sie, liebe Ladenbesitzer, die Hoffnung haben, dass ein Online Shop Ihnen in ein paar Tagen oder Wochen aus der Krise helfen wird. Der einzige Erfolg, der damit erreicht wird, ist die Umsatzsteigerung. Und zwar die des Webdesigners. Bitte fallen Sie nicht auf irgendwelche Umsatzversprechen rein. So funktioniert kein online Marketing.

Wer sich entscheidet online Erfolg haben zu wollen, kommt um eine entscheidende, von langer Hand geplante Strategie, Lernbereitschaft und viel Ausdauer nicht drumherum. Hier helfen wir gerne und so entwickeln wir auch nach der Krise sinnvolle Projekte, die unseren Kunden sichere und kontinuierlich steigende Umsätze bereiten.

Wir wollen aber niemandem im Regen stehen lassen und möchten Ihnen, liebe gebeutelte Ladenbesitzer wenigstens ein paar kleine Tipps geben, was Sie jetzt tun können. Ja, es sind gelinde gesagt mickrige Maßnahmen, aber die Kosten keine Stange Geld und helfen wenigstens vielleicht einen Teil der Fixkosten zu decken, allemal sinnvoller als jetzt einen erfolglosen Online Shop zu starten:

  1. Nutzen Sie JETZT Social Media. Stellen Sie ihr Geschäft, ihre Produkte, Ihre Mitarbeiter gerne online mit vielen Bildern vor und machen sie so vor allem ihr Geschäft bekannter. Dazu eignen sich auch Bilder von Festen und Jubiläen aus der Vergangenheit.
  2. Geben Sie notfalls Gutscheine raus. „Heute kaufen, Morgen abholen.“
  3. Auch wenn Kunden ihren Laden nicht betreten dürfen, können sie doch auf Facebook entdeckte Produkte an der Tür abholen. Das ist erlaubt, sofern kontaktloses Bezahlen möglich ist.
  4. Fehlt ein Zahlungsterminal, richten Sie dafür PayPal ein, dann kann der Kunde an der Tür per Mail überweisen.
  5. Alternativ legen Sie Ihren Produkten, die abgeholt werden, eine Rechnung bei.
  6. Seien Sie für Ihre Kunden telefonisch erreichbar. Teilen Sie Kunden per Facebook mit, dass Sie telefonisch bestellen können.
  7. Nutzen Sie Google MyBusiness, richten Sie dort Ihr Unternehmen ein, aktualisieren Sie Ihre Daten, posten Sie dort viele Fotos.
  8. Reden Sie mit Ihrem Vermieter. Fragen kostet nichts. Fragen Sie Ihn, ob er Ihnen bei der Ladenmiete kurzfristig entgegen kommt. Viele Vermieter lassen mit sich reden was man so hört!

Ein Hinweis noch zu Google MyBusiness. Google hat seit 20. März alle neuen Rezensionen entfernt, damit niemand die Geschäfte schlecht bewerten kann! Bitte nicht wundern wenn sich an dieser Front aktuell nichts tut. Wir halten diese Entscheidung für goldrichtig.

Wir wünschen allen da draußen, dass Sie die Krise ohne Blessuren jeglicher Art überwinden, dass Sie gesund bleiben und nie den Glauben verlieren. Auch diese Krise wird enden, ganz sicher!

Wenn Sie dann eines Tages geschäftlich wieder auf eigenen Beinen stehen und laufen können, sind wir für Sie da und helfen ihnen zur nächsten Gangart: Rennen.

Wenn Sie eine persönliche Beratung zu diesem Thema wünschen oder einfach nur eine zweite, unverbindliche Meinung zu Ihrem Vorhaben, rufen Sie uns einfach an. Wir haben die Zeit aktuell 🙂

PS: Tragen Sie eine Maske oder irgendeinen Mundschutz, wo Sie nur können! Mittlerweile ist bekannt, dass die Schwere des Krankheitsverlaufs auch abhängig von der Größe der Virenladung ist, die man abbekommt. Ein Schutz von Mund und Nase hilft hier wenigstens diese Virenladung zu reduzieren. Vielleicht die richtige Maßnahme nur mit milden Symptomen statt Krankenhaus aus der Nummer raus zu kommen.